2. Tag
Freitag, 10. Oktober 2003
„Die Inseln im See: Huxin Ting, Xiao Yingzhou, Gushan“
Unser zweiter Exkursionstag beginnt mit einer Bootsfahrt auf dem Westsee. Unsere Destination sind die zwei künstlich angelegten Inseln mitten im Westsee, deren Anlage dem Mythos von den Inseln der Unsterblichen im Ostmeer nachempfunden ist. Nach einer kurzen Bootsfahrt erreichen wir den „Pavillon in der Seemitte” (Huxinting), ein kleines Eiland, welches in der Ming-Dynastie aufgeschüttet wurde.
Der „Pavillon in der Seemitte” gegen Ende der Ming-Zeit, als der überregionale Westsee-Tourismus einen Höhepunkt erreichte, zu einem beliebten Ausflugsziel für chinesische Gelehrte sogar bei Nacht und auch im Winter. Literaten wie Zhang Dai (1597-1684?), der jahrzehntelang am Westsee lebte und die Kulturgeschichte des Westsees ausführlich dokumentierte und kommentierte, besuchten den Pavillon damals überhaupt nur noch nachts oder zur Winterzeit, bei Schneefall — dann also, wenn die Masse der Reisenden den See verschmähte. Beim Genuss von Wein pflegten solche Literaten auf ihren Bootsfahrten den sich auf dem Wasser spiegelnden Mondschein zu betrachten und versuchten dabei, sich eine elitäre Identität als Exzentriker oder „Verrückte“ — eigentlich aber vielmehr hochkultivierte Connoisseurs — zu schaffen.
Nach der Besichtigung des „Pavillons in der Seemitte” fuhren wir weiter zur „Kleinen Insel der Unsterblichen” (Xiao Yingzhou). Das 1607 angelegte Eiland erinnert in seiner Form an das Zeichen tian 田(„Feld”), indem es einen in vier gleiche Flächen unterteilten See im See einfasst. Diese Teiche waren ursprünglich als Becken, in denen auf dem Markt gekaufte, vor dem Tod gerettete Fische lebend ausgesetzt werden konnten, angelegt worden. Die betreffende buddhistische Praxis des „Freilassens“ (fangsheng), die der Anhäufung karmischer Verdienste dienen sollte, war vor allem in der Song-Zeit ein beliebtes, volksfestartiges Ritual. In der Ming-Zeit wurde es wiederentdeckt und vor allem von Eliteangehörigen und Angehörigen des buddhistischen Klerus praktiziert. Der berühmteste Hangzhouer Buddhist der späten Ming-Zeit, Zhuhong (1535-1615), war ein vehementer Verfechter der fangsheng-Praxis.
Die Xiao Yingzhou genannte Insel trug noch einen zweiten Namen, der sich aus dem Verzeichnis der Zehn Ansichten des Westsees ableitete: “Der Widerschein des Mondes in den drei Teichen” (San tan yin yue). Die Bezeichnung erscheint jedoch unklar, denn wir zählen drei, nicht vier Teiche. Der wohl faszinierendste Ausblick von Xiao Yingzhou sind aber drei ca. zwei Meter hohe Stupas aus Stein, die gleich neben der Insel aus dem Wasser ragen.
Die Errichtung derselben geht noch auf Su Shi zurück, der sie zur Markierung der Grenze zwischen See und Landgebiet einsetzte, nachdem Teile des Sees verlandet waren und landwirtschaftlich genutzt wurden. Allerdings befanden sich diese drei ursprünglichen Türmchen offenbar an einem anderen Ort. Nachdem diese um 1500 zerstört worden waren, wurden die jetzigen Stupas in späterer Zeit neu plaziert. Eine Legende verbindet diese drei Türmchen — ganz ähnlich wie die Legende über die Weisse Schlange mit Bezug auf die Leifeng-Pagode — mit einem Mythos über drei „Monster“ (guai), die darunter gebannt worden seien.
Unsere Exkursion führt uns per Boot weiter noch einmal zum „Einsamen Berg“ (Gushan), der einzigen natürlichen Inselformation im Westsee. Nun haben wir Gelegenheit, einige der darauf versammelten diversen Institutionen genauer anzuschauen. Zuerst begeben wir uns zur ehemaligen Residenz von Yu Yue (Yu lou).
Im Anschluss an die Besichtigung der ehemaligen Residenz Yu Yues begeben wir uns ins seit dem späten 19. Jahrhundert berühmte Restaurant Louwailou, dessen Name („hinter Gebäuden noch mehr Gebäude“) auf eine berühmte Gedichtzeile anspielt. Dort probieren wir uns durch eine Reihe traditioneller Hangzhouer Gerichte, so z.B. den sauren Westsee-Fisch (Xihu cuyu). Die Kochkunst des Hauses findet auch bei uns Anerkennung.
Die erste Etappe unseres nachmittäglichen Rundgangs auf der Gushan-Insel ist der Sitz der „Siegelgesellschaft“ bei der Xiling-Brücke (Xiling Yinshe).
Nach der zufälligen Beiwohnung bei der Durchführung der Abreibung einer Inschrift in einem Pavillon führt uns der Rundgang durch die Gartenanlage zunächst zur Sanlao-Stele, welche in einer kleinen Halle auf der Spitze eines Hügels ausgestellt ist. Bei dieser aus der Han-Zeit datierenden Steininschrift handelt es sich um die bisher älteste bekannte Stele aus Zhejiang. Nicht weit davon entfernt steht eine 1924 erbaute steinerne Pagode, auf deren Seiten das Huayanying-Sutra eingemeisselt ist. Zudem befinden sich auf dem Hügel noch diverse kleine Hallen sowie die Statuen Wu Changshuos und Ding Jings. Auf Gushan befand sich von 1699 bis 1912 der Reisepalast (xinggong), den die Qing-Kaiser Kangxi und Qianlong auf ihren Reisen in den Süden benutzt hatten. Vom Reisepalast selbst ist heutzutage nichts mehr zu sehen. Aber es ist zu vermuten, dass die Gartenanlage des Xiling Yinshe zumindest teilweise ursprünglich zum Reisepalast gehört hatte.
Das letzte Ziel des Tages ist das Museum der Provinz Zhejiang (Zhejiang sheng bowuguan), welches sich ebenfalls auf der Insel Gushan befindet. Es besteht aus einem Hauptgebäude und zahlreichen Nebenhallen, in denen verschiedene separate Ausstellungen untergebracht sind, so z.B. zu Zahlungsmitteln aller Epochen der chinesischen Zivilisation von der Cowrie-Muschel über Münzen bis zur Banknote oder zu Möbeln der Ming- und Qing-Dynastie; ferner gibt es Sammlungen verschiedener kunsthandwerklicher Objekte wie Lackwaren, Holzfiguren und geschnitzte Steine.
In das Museumsgelände sind auch angrenzende Liegenschaften integriert worden, insbesondere das ehemalige Bibliotheksgebäude Wenlange — ein wunderschönes Qing-zeitliches Gebäude mit drei Stockwerken — mit dem dazugehörigen traditionellen Steingarten.
Im Hauptgebäude des Museums ist eine — gemäss dem Eingangsschild 7000 Jahre umfassende — Ausstellung zur Kulturgeschichte der Region von Zhejiang untergebracht. Für uns sind die ausgestellten Objekte, die sich spezifisch mit Hangzhou und dem Westsee befassen, von besonderem Interesse. Dazu gehören etwa zwei im Westsee gefundene bronzene Drachenfiguren sowie eine Bronzetafel mit Inschrift: Diese aus der Wu-Yue-Epoche (10. Jh.) stammenden Objekte belegen die Existenz eines Drachenkultes am Westsee, denn die betreffenden Gegenstände wurden im Rahmen einer kultischen Handlung in den See geworfen, um den Herrscher dieses Gewässers der Stadt Hangzhou günstig zu stimmen. Zu den interessantesten modernen Ausstellungsobjekten gehören schliesslich einige aus dem Nachlass von Qiu Jin stammende Objekte, einschliesslich des originalen Manuskriptfragments eines autobiographischen Romans dieser Autorin.
Da über diesem Referat die Schliessungszeit des Museums gekommen ist, werden wir von den Angestellten freundlich aufgefordert, das Museum zu verlassen, und müssen uns auf den Rückweg zum Hotel machen.
Yu Yue
Yu Yue (1821-1907) war ein bedeutender konfuzianischer Gelehrter des 19. Jahrhunderts. Yu Yue, in Zhejiang geboren, stammte aus einer Familie von Gelehrtenbeamten. Ihm gelang schon früh in seinem Leben der Aufstieg auf der Karriereleiter der Beamtenprüfungen: Bereits mit 15 Jahren bestand er die erste Prüfungsstufe, und 1850, im Alter von 29 Jahren, erreichte er die höchste Prüfungsstufe und wurde zum Mitglied der prestigiösen Hanlin-Akademie ernannt. Fünf Jahre später wurde ihm ein erster bedeutender Beamtenposten zugeteilt, der ihn für die Prüfungsaufsicht auf Provinzebene verantwortlich machte. Der Taiping-Bürgerkrieg (1854-63) zwang ihn jedoch, mit seiner Familie in die ausländische Konzession von Tianjin zu flüchten. Nach der Niederschlagung der Taiping-Rebellen wurde Yu 1865 zum Leiter der Ziyang-Akademie in Suzhou ernannt. Damals wurde sein Hauptwerk, Junjing pingyi, eine Studie zu den diversen Klassikern, publiziert. 1867 nahm er schliesslich das Angebot der Stelle des Leiters und Lehrers der Gujing-Jingshi-Akademie in Hangzhou an. In dieser Institution widmete man sich ausschliesslich dem vertieften Studium der konfuzianischen Klassiker.
Unter Yus Schülern waren einige der bedeutendsten Gelehrten des späten 19. Und frühen 20. Jahrhunderts. Yu Yue war nicht nur als Philologe prominent in seiner Zeit, sondern auch als Kalligraph — sowie als Kenner der Westsee-Kultur. Darüberhinaus interessierte er sich auch für populäre Erzählliteratur. 1878 erbauten ihm seine Schüler die von uns besichtigte Residenz, in der ein kleines, aber gut gemachtes Museum über Leben und Werk dieses Gelehrten untergebracht ist.
Xiling Yinshe
Xiling Yinshe war eine Vereinigung, die sich zum Ziel setzte, die Siegel- und Gravurkunst zu bewahren und zu fördern. Siegelstempel wurden in China seit der Zhou-Dynastie hergestellt; die Kunst des Siegelschnitzens erlebte jedoch erst während der Qing-Zeit ihre eigentliche Blüteperiode. In Hangzhou gründete Ding Jing (1695-1765), einer der grössten Meister der Gravurkunst, die Zhejiang-Schule, welche grosse Berühmtheit erlangte. Die Xiling Yinshe wurde 1913 gegründet, wurde sie anfänglich vom bedeutenden Kalligraphen, Maler und Siegelgraveur Wu Changshuo (1844-1927), einem Schüler Yue Yues, präsidiert.
Wenlange
Das Wenlange kann als ein früher Vorläufer der öffentlichen Bibliothek gesehen werden. Es wurde in der frühen Qing-Zeit auf kaiserlichen Befehl hin eigens für die lokale Gelehrtenschaft eingerichtet.
Hier wurde auch eine von insgesamt vier handschriftlichen Kopien des „Gesamten Schrifttums in den vier bibliographischen Abteilungen“ (Siku quanshu), der unter dem Qianlong-Kaiser angefertigten umfassenden Bestandesaufnahme des chinesischen Schrifttums, aufbewahrt. Dieser Umstand illustriert den hohen nationalen Status, welcher der lokalen und regionalen Gelehrtenschaft zugeschrieben wurde. Das betreffende Exemplar des Siku quanshu wurde 1861, als die Taiping-Rebellen die Stadt Hangzhou zuerst belagerten und dann dem Erdboden gleich machten, in alle Winde zerstreut. Der bibliophile Gelehrte Ding Bing (1832-1899), der selber eine bedeutende Privatbibliothek geerbt hatte, trug grosse Teile davon wieder zusammen, indem er systematisch die Lager der Altpapierhändler der Stadt danach absuchte. Die verlorenen Teile liess er durch Kopien nach Vorlagen aus Privatbibliotheken in der Region ersetzen. Insgesamt musste er etwa 36000 Faszikel kopieren lassen. Das dergestalt restaurierte Siku quanshu wurde anschliessend in der sogenannten „Roten Villa“ (Honglou), einem um 1907 eigens als Unterkunft für den deutschen Kronprinzen während dessen China-Reise im westeuropäischen Stil erbauten Backsteingebäude, aufbewahrt. 1937 wurde es dann vor den anrückenden japanischen Truppen versteckt und auf eine Irrfahrt durch halb China geschickt, bevor es 1950 wieder nach Hangzhou zurückgebracht wurde.
Qiu Jin
Qiu Jin (1875-1907) war eine bedeutende Revolutionärin, frühe Feministin und Autorin der späten Qing-Zeit. Sie wurde als Tochter einer prominenten Gelehrtenbeamtenfamilie aus Shaoxing (Zhejiang) geboren.
Während sie in Xiamen aufwuchs, begann sie sich schon früh in den Kampfkünsten zu üben, was für ein Mädchen ihrer Zeit und ihres Standes recht ungewöhnlich war. Später wurde sie gegen ihren Willen an einen Mann nach Beijing verheiratet. Nach ihrem Umzug in die Hauptstadt und der Geburt zweier Kinder begann sie ein bemerkenswertes Doppelleben als traditionelle Hausfrau sowie als heimliche Revolutionärin zu führen. 1904 verliess sie ihre Familie und reiste in Männerkleidung nach Japan. Dort studierte sie zwei Jahre lang und pflegte enge Kontakte zu den radikalsten Gruppen von chinesischen Revolutionären und Anarchisten der Zeit. 1906 kehrte sie nach China zurück und gründete die erste chinesische Frauenzeitschrift, Zhongguo nübao, in der protofeministische Ideen propagiert wurden. Zentral für ihr Denken war die Grundidee, dass die sogenannte „Frauenfrage“ von der nationalen Frage letztlich unzertrennlich sei. Wenig später nahm sie eine Stelle als Lehrerin in Shaoxing, ihrer Heimatstadt, an. Diese Tätigkeit diente jedoch nur als Tarnung für ihre geheimen revolutionären Aktivitäten. 1907 beteiligte sie sich an der Planung eines Attentats auf den Gouverneur von Anhui, welche jedoch vorzeitig entdeckt wurde. Qiu Jin wurde in der Folge verhaftet und wie ein Mann mit dem Schwert hingerichtet. Zu den bemerkenswertesten Aspekten der Biographie Qiu Jins gehörte ihre Vorliebe, mit Geschlechterrollen zu experimentieren, indem sie sich etwa als — westlich gekleideter — Mann oder provokativ mit einem Schwert bewaffnet photographieren liess.
